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ABOUT THE ARTIST

Señor Coconut presents Coconut FM
Legendary Latin Club Tunes
Catalogue no.: AYCD 07
Vertriebe: Indigo (D), Universal (A), RecRec (CH)

Willkommen im Cocovina Club

Congas und Casios? Puertoricanischer Rap und ein Wortschwall auf Spanglish? Booty Beats und spanische Gitarren? Schon klar: Das muss Coconut FM sein. Durch das Programm führt Señor Coconut, das Alter Ego von Uwe Schmidt, jener legendäre Elektronik-Komponist, auch bekannt unter Atom Heart, Atom™ und Dutzenden anderen Pseudonymen. Auf Coconut FM – das bei Essay Recordings, dem Label der gefeierten Compilation-Reihen Rio Baile Funk: Favela Booty Beats and Bucovina Club erscheint – nimmt einen Señor Coconut auf eine Reise durch den Elektronik-Underground Lateinamerikas mit. Nein, kein chilenischer Micro House. Nein, auch kein mexikanischer Psycho Trance. Hier geht es um Genres wie Funk Carioca (Baile Funk), Cumbia, Reggaeton und deren verschrobene Kombinationen und Abwandlungen.

Fast zehn Jahre lebt Señor Coconut nun in Santiago de Chile. Dort ist er umgeben von den Sounds des Alternative Dancefloor – Latin Mutant Disco könnte man auch dazu sagen. Sie liefern die Grundierung für den verrückten Swing und die wahnwitzigen Synkopierungen auf seinen Alben "El Baile Alemán" and "Fiesta Songs", auf denen Señor Coconut Kraftwerk mit Merengue verschmolz und Michael Jackson den Cha Cha Cha beibrachte. Nun verneigt er sich vor den Roots und hat eine Sammlung großartiger Songs aus ganz Lateinamerika zusammengestellt, von der Karibik bis nach Argentinien und Chile.

So unterschiedlich die versammelten Genres auch sind – eins haben sie gemeinsam: Sie sind gewissermaßen Volksmusik im eigentlichen Sinne und durchfluten die Communities der favela, des barrio und der villa. Wie die Klänge im einzelnen ethnographisch verschaltet sind, braucht uns nicht zu kümmern. Und nicht ärgern, wenn man weder Spanisch noch Portugiesisch noch den Boricua-Slang versteht. Nicht, dass die Inhalte unwichtig wären. Die Ghetto-Kids haben in dieser Musik ihr Sprachrohr gefunden. Für sie sind die Songtexte von Tego Calderon die Bahnhofsdurchsagen auf der Reise in ein besseres Leben. In Los Pibes Chorros sehen sie die lateinamerikanischen Wiedergänger von Robin Hood in einer Zeit der Raubritter. Aber die Geschichten werden bereits durch den Mix erzählt, durch die Beats und die Zitate. Im Grunde geht es um den Soundtrack des Postkolonialismus’ – was dem einen sein Ölfass, ist dem anderen seine Steel Drum. Was der westlichen Welt Copyright-Gesetzgebungen sind, ist in Lateinamerika ein Zettel, der die überfüllten Straßen entlangweht – vorbei an Bootleg-Ständen vor zusammengeschusterten Hütten, tuckernden Dieselmotoren, die kaum das Surren der allerorten angezapften Strommasten übertönen.

Funk Carioca – ohne Zweifel das heißeste Exportgut Brasiliens seit dem G-String. Funk Carioca ist Rios Version von Miami Bass – eine wilde Melange aus Electro-Beats und portugiesischen Raps, schamlos zusammengeklauten Samples und durchgedrehten Sound-Effekten, die von Rave-Bombardements durchschossen werden. Compilations wie Rio Baile Funk und Bands wie Tetine haben diese musikalische Form westlichen Ohren eingeflüstert. Nun geht Coconut FM mit sechs (r)evolutionären Tracks dieses jungen Genres auf Sendung. Jeder einzelne der Cuts von Vanessinha und Alessandra, Malha Funk, Os Carrascos, DJ Alexandre, Bonde Neurose and Vanessinha Picatchu ist heißer als das Blechdach einer favela-Bretterbude in der drückenden Mittagshitze. Der Funk, den uns Coconut FM um die Ohren haut, ist schnell, billig – und pures Adrenalin.

Reggaeton – eine wüste Kreuzung aus jamaikanischem Reggae, amerikanischem HipHop und der barrio-Kultur Puerto Ricos und Panamas. Die inbrünstige Verehrung von Reggaeton durch die Latinos in Amerika springt nun auch auf die weiße Kultur über. Wer außer Daddy Yankees "Gasolina" sträflicherweise nichts kennt, den führt Coconut FM auf den Pfad der Tugend (oder wahlweise auch schon mal in die Irre). Die sechs Tracks stammen aus Puerto Rico, Chile, Argentinien und Panama und reichen von Tego Calderons entspanntem "Cambumbo" bis zu Peter Raps vom Electro-Funk getragenen "Punta". Und weil Reggaeton ein Virus ist, der alle und alles befällt, gibt es auf Coconut FM auch zwei Hybrid-Tracks: Piedra featuring Chico und Delaselva (denen auch ein Mitglied der mit Awards überhäuften HipHop-Formation Hermanos Brothers angehört) aus Chile vermengen Reggaeton und Cumbia und umgekehrt. Und kein Geringerer als Don Atom verschmilzt, unterstützt vom chilenischen Rapper Tea Time, Reggaeton mit Acid Techno.

Cumbia – ursprünglich ein Musikstil aus Kolumbien. Inzwischen bebt aber alles zwischen Mexiko, den USA und Argentinien im Takt der Cumbia. In Argentinien schlug die Stilistik Wurzeln im Arbeitermilieu der villas und entwickelte sich zur Cumbia Villera. Von den auf Coconut FM versammelten Stilen klingt dieser wohl am vertrautesten und traditionellsten. Doch Tradition, das zeigt Coconut FM deutlich, ist nichts eindimensionales, sondern erstrahlt irrlichternd in all seinen Facetten. Gladys aus Kolumbien vollführt auf "Not Te Vayas Corazon" die wahnwitzigsten Zirkuskunststückchen. Dick El Demasio dreht mit den "mayonnaise monsters" auf "La Cebolla" durch – ein durchgeknallter "cumbia lunática"-Track mit mehr Delay als Lee "Scratch" Perry in einer Zeitschleife. Los Pibes Chorros entführt dann mit seiner boys-in-da-villa-Hymne die lieblichen Cumbia-Klänge ins Straßenviertel der Gangsta.

Wie dem auch sei: Wo immer man herkommt – man muss sich auf eine Überraschung gefasst machen. Latin-Liebhaber können sich über einen Querschnitt durch musikalische Stile freuen, den man sonst nirgends zu hören bekommt. Noch nicht einmal in Miami, wo sich die beiden Amerikas vermischen. Und man kann noch so viel über elektronische Musik wissen, aber Coconut FM atmet den Geist der Unbefangenheit, wie man ihn seit der Frühzeit des Rave nicht mehr erlebt hat. Snobs, wollt ihr ewig leben? Coconut FM ist volksnahe Avantgarde.

Philip Sherburne, San Francisco/Barcelona, www.philipsherburne.com

Ausführliches Interview mit Senor Coconut auf der Artist Seite.

Tracklisting

01. Coconut FM 1
02. Gladys: No Te Vayas Corazón (ARG) Cumbia Tropical
03. Vanessinha und Alessandra: Gira (BRA) Funk
04. Malha Funk: Nova Dança (Melo Do James Brown) (BRA) Funk
05. Os Carrascos: Labirinto Dos Carrasco (BRA) Funk
06. Piedra feat. Chicho und Delaselva: Quiero Pare (CHI) Cumbiaton
07. Los Pibes Chorros: Llegamos Los Pibes Chorros (ARG) Cumbia Villera
08. Dick El Demasiado: La Cebolla (ARG) Cumbia Lunática
09. Tego Calderón: Cambumbo (PR) Reggaeton
10. Negreton: Dile (ARG) Reggaeton
11. Coconut FM 2
12. Catherine: No Me K's-tigues (PAN) Reggaeton
13. Peter Rap: Punta (CHI) Reggaeton
14. Don Atom feat. Tea Time: Mueve La Cintura (live vers.) (CHI) Aciton
15. DJ Alexandre: Toma Toma (BRA) Funk
16. Bonde Neurose: Feia Pra Cascalho (BRA) Funk
17. Vanessinha Picatchu: Pega Pega (BRA) Funk

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